Zusammenfassung. Science-Fiction-Kino ist nicht nur Unterhaltung, die die Zukunft vorhersagt. Es ist ein Gedankenlabor, das das wissenschaftliche Wissen, die gesellschaftlichen Ängste und die technologischen Erwartungen seiner Zeit sichtbar macht. Die zentrale Frage lautet: Waren die Technologien auf der Leinwand echte Vorhersagen oder eindrucksvolle visuelle Deutungen von Ideen, die damals bereits in Laboren, Patenten und der Science-Fiction-Literatur kursierten?
Die größte Kraft des Kinos: „Zeigen, was noch nicht existiert“
Als das Kino entstand, war die Welt noch keine technologische Gesellschaft im heutigen Sinne. Stromnetze breiteten sich erst aus, das Automobil war teuer und außergewöhnlich, Funkkommunikation entwickelte sich als experimentelles Gebiet und der motorisierte Flug des Menschen war noch nicht gelungen. Trotzdem beschränkte sich das bewegte Bild schon früh nicht darauf, die vorhandene Welt aufzuzeichnen. Die Kamera wurde rasch zu einem Werkzeug, das nicht existierende Maschinen, Planeten und zukünftige Gesellschaften sichtbar machte.
Die Rolle des Kinos in der Technikgeschichte nur an der Frage „Welche Erfindung sagte es richtig voraus?“ zu messen, greift deshalb zu kurz. Wichtiger ist, dass das Kino einer Zukunft eine visuelle Form gab, die gewöhnliche Menschen noch nicht sehen konnten und über die sie vielleicht nicht in Büchern lasen. Dadurch wurde es leichter, sich mit dieser Zukunft auseinanderzusetzen.
Als Ausgangspunkt dieser Chronologie gilt häufig Georges Méliès’ Film Le Voyage dans la Lune aus dem Jahr 1902, auf Englisch A Trip to the Moon, der weithin als erster Science-Fiction-Film angesehen wird. 67 Jahre bevor Neil Armstrong den Mond betrat, brachte der Film Menschen auf die Mondoberfläche. Méliès erzählte dabei nicht nur eine Reise ins All. Mit Spezialeffekten, Montage und Bühnenbild schuf er „das Bild des Unmöglichen“.
1902 — A Trip to the Moon: „Eine Mondreise, bevor das Flugzeug erfunden wurde“
Die Welt des Jahres 1902 ist für uns schwer vorstellbar. Der berühmte Motorflug der Brüder Wright in Kitty Hawk sollte erst im Dezember 1903 stattfinden. Méliès brachte das Publikum also zum Mond, bevor die Menschheit die historische Schwelle des motorisierten und kontrollierten Fluges überschritten hatte. Dabei ist wichtig: Méliès erfand die Idee der Mondreise nicht. Der Film war eine starke filmische Fortsetzung einer literarischen Tradition, die insbesondere von Jules Vernes Mondreise-Erzählungen und Werken wie H. G. Wells’ The First Men in the Moon geprägt wurde. Neu war, dass die Idee erstmals in eine derart wirkungsvolle Bildwelt verwandelt wurde.
Im Film werden Astronomen in einer Kapsel aus einer riesigen Kanone zum Mond geschossen. (Aus Sicht der heutigen Raketentechnik ist diese Methode unrealistisch.) Ein solches Verfahren würde die Menschen in der Kapsel töten. Die historische Bedeutung des Films liegt jedoch nicht in technischer Genauigkeit, sondern darin, Raumfahrt zu einem sichtbaren Ereignis zu machen. Zum ersten Mal zeigte das Kino einem breiten Publikum, wie das Verlassen der Erde „aussehen“ könnte. Jahrzehnte vor dem wirklichen Raumfahrtzeitalter war die Reise ins All Teil des gemeinsamen visuellen Gedächtnisses der Populärkultur geworden.
A Trip to the Moon sollte daher nicht als Prophezeiung, sondern als etwas Stärkeres betrachtet werden: die Übertragung eines wissenschaftlichen und literarischen Traums in die visuelle Massenkultur. Hier entstand das Grundmodell für die Beziehung des Kinos zur Zukunft.
Die Wissenschaft eröffnet eine Möglichkeit, die Literatur macht daraus eine Geschichte und das Kino verleiht ihr Bild und Gefühl.
Zu den literarischen Zukunftsvisionen können Sie im GGM Blog unseren früheren Beitrag Science-Fiction-Autoren, die die Zukunft voraussahen, und ihre verwirklichten Technologieprognosen aufrufen.
1927 — Metropolis: Megastädte, Automatisierung und der menschenähnliche Roboter
Nur fünfundzwanzig Jahre später hatte das Science-Fiction-Kino seine Kindheit hinter sich gelassen. Fritz Langs Metropolis von 1927 fragte nicht mehr, ob der Mensch zum Mond reisen könne, sondern wie Technologie Städte und Gesellschaftsordnung verändern könnte. Der Film gehört zu den bedeutendsten Science-Fiction-Werken der Stummfilmzeit und wurde zu einer wichtigen visuellen Quelle späterer dystopischer Stadtbilder.
Die Zukunft von Metropolis zeigt gigantische Wolkenkratzer, Verkehrssysteme auf mehreren Ebenen, Arbeiter im Rhythmus der Maschinen und einen humanoiden Roboter. Der als Maschinenmensch bezeichnete Roboter nimmt Marias Gestalt an und wirft eine Grundfrage auf, die bis zu heutigen Debatten über humanoide Roboter und künstliche Menschen reicht.
Wenn eine Maschine einem Menschen ausreichend ähnlich sieht, können Menschen dann weiterhin dem vertrauen, was sie sehen?
Ein auffälliges Detail des Films ist die Bildkommunikation. Die Idee des Bildtelefons entstand nicht mit Metropolis. Ähnliche Gedanken wurden im Zusammenhang mit der Entwicklung von Telekommunikation und Fernsehen bereits diskutiert. Das Kino holte die Technologie jedoch aus der abstrakten technischen Möglichkeit heraus und stellte sie in einer Alltagsszene dar. Videoanrufe per Telefon oder Computer sind heute so gewöhnlich, dass kaum nachzuvollziehen ist, wie futuristisch diese Szenen einst wirkten.
Die eigentliche Treffsicherheit von Metropolis reicht über die Vorhersage eines bestimmten Geräts hinaus. Der Film vertrat die Auffassung, dass technischer Fortschritt nicht automatisch gesellschaftlichen Fortschritt bedeutet. Hochtechnologie, Wohlstand und enorme Produktionskapazität können in derselben Stadt existieren, während die Gesellschaft extrem ungleich bleibt. Fast ein Jahrhundert später steht diese Frage weiterhin im Zentrum der Debatten über Automatisierung, künstliche Intelligenz, Einkommensverteilung und technologische Arbeitslosigkeit.
1962 — The Jetsons: „Das große Geheimnis der Zukunft war nicht der Weltraum, sondern der Alltag“
Als Hanna-Barberas Serie The Jetsons 1962 startete, war das Wettrennen ins All bereits in vollem Gang. Die Sowjetunion hatte Sputnik in die Umlaufbahn gebracht, Juri Gagarin war der erste Mensch im Weltraum geworden und die Vereinigten Staaten hatten das Mondprogramm zu einem großen nationalen Ziel erklärt. Die Jetsons übertrugen den technologischen Optimismus des Raumfahrtzeitalters in eine Familien-Sitcom.
In der Welt von George, Jane, Judy und Elroy Jetson ist das Haus selbst ebenso bemerkenswert wie die fliegenden Autos. Roboterhelfer, automatische Maschinen, Haushaltsgeräte auf Knopfdruck, Videogespräche und ein von Bildschirmen umgebener Alltag erzählten von einer Zukunft, in der Technologie nicht nur im Labor oder Raumschiff, sondern auch in Küche, Wohnzimmer und Arbeitswelt zu finden sein würde. Genau darin liegt die bleibende Wirkung der Serie: Sie machte die Zukunft alltäglich und regte unsere Fantasie an.
Bei vielen „Vorhersagen“, die den Jetsons zugeschrieben werden, ist jedoch Vorsicht geboten. Das Bildtelefon etwa war Jahrzehnte zuvor in technischen Experimenten und populären Zukunftsdarstellungen aufgetaucht. Eine technikhistorische Untersuchung des Smithsonian weist darauf hin, dass diese Idee seit den frühen Tagen des Fernsehens immer wieder als Kommunikationsmittel der Zukunft vorgestellt wurde und auch in Metropolis zu sehen war. Die Jetsons erfanden sie nicht, machten sie aber in den Köpfen von Millionen zu einem normalen Haushaltsgegenstand der Zukunft.
Aus heutiger Sicht wirken einige Visionen erstaunlich vertraut: Videogespräche, Heimautomatisierung, Roboterassistenten, große Bildschirme und Computer, die den Alltag erleichtern. Fliegende Autos gehören dagegen noch immer nicht zum Massenverkehr. Der Unterschied zeigt, dass technologische Zukunft nicht nur eine Frage der physikalischen Machbarkeit ist. Kosten, Sicherheit, Infrastruktur, Energie, Regulierung und gesellschaftliche Bedürfnisse bestimmen, ob sich eine Technologie verbreitet.
1966 — Star Trek: Vom Kommunikationsgerät in der Tasche zu intelligenten Computern
Als Star Trek 1966 ins Fernsehen kam, verstand man unter Computern keine persönlichen Geräte, sondern raumgroße Systeme großer Institutionen. In der Zukunft der Serie nutzen Menschen kleine tragbare Kommunikationsgeräte, sprechen mit Computern und verwenden elektronische Informationsbildschirme. In Bewertungen der NASA wurden die „Communicator“-Geräte aus Star Trek unter den Visionen genannt, die mit heutigen Mobiltelefonen in Verbindung gebracht werden.
Dass ein Science-Fiction-Gerät später einem realen Produkt ähnelt, bedeutet selbstverständlich nicht, dass dieses Produkt unmittelbar aus der Serie hervorging. Tragbare Funkgeräte existierten bereits, die Elektronikindustrie setzte zunehmend auf Transistoren und integrierte Schaltungen entwickelten sich schnell. Die Leistung von Star Trek bestand darin, bestehende technologische Trends in einem menschenzentrierten und verständlichen Zukunftsbild zusammenzuführen.
Die tiefere Voraussicht der Serie zeigt sich in der Mensch-Maschine-Interaktion. Einem Computer Fragen in natürlicher Sprache zu stellen, einen Bildschirm zu berühren und von einem kleinen Gerät auf große Informationssysteme zuzugreifen, ist heute alltäglich.
Star Trek vermittelte die Idee, dass der Computer nicht nur eine Rechenmaschine bleiben, sondern zu einem Helfer werden würde, mit dem der Mensch ständig spricht.
Zu den Grundlagen tragbarer Elektronik lesen Sie unseren früheren Beitrag Die integrierte Schaltung: Die Erfindung, die den Weg zu Milliarden Transistoren eröffnete.
1968 — 2001: A Space Odyssey: Vom Weltraumfilm zur KI-Debatte
Stanley Kubricks Film 2001: A Space Odyssey aus dem Jahr 1968 steht für eine andere Methode der Zukunftsgestaltung. Kubrick stützte sich nicht nur auf Fantasie, sondern ließ sich von Fachleuten aus Raumfahrt und Informatik beraten. Nach Einschätzung des Smithsonian National Air and Space Museum ging der Film bei seiner Darstellung der 33 Jahre entfernten Zukunft davon aus, dass Computer in natürlicher Sprache mit Menschen sprechen könnten. HAL 9000 wurde zum Symbol dieser Annahme.
HAL ist nicht nur der Computer des Raumschiffs. Er spricht, erkennt Menschen, steuert Missionssysteme, trifft Entscheidungen und beobachtet das Verhalten der Besatzung. 1968 waren Computer überwiegend große Mainframe-Systeme; Nutzer kannten die heutige Erfahrung mit Personal Computern nicht. Trotzdem stellte sich der Film einen unsichtbar in der Umgebung verteilten, sprachgesteuerten und ständig verfügbaren intelligenten Computer vor.
Das Auffälligste an HAL sind weniger seine technischen Fähigkeiten als das von ihm geschaffene Vertrauensproblem. Wie sehr sollte ein Mensch der Entscheidung einer Maschine vertrauen, die schneller rechnet und kritische Systeme steuert? Wer hat das letzte Wort, wenn die Ziele der Maschine mit menschlichen Zielen kollidieren? Angesichts heutiger Debatten über KI-Sicherheit, autonome Systeme, algorithmische Entscheidungen und menschliche Aufsicht wird die anhaltende Bedeutung des Films verständlich.
Nicht jede Zukunft des Films trat ein. Im Jahr 2001 gab es weder dauerhafte Mondbasen noch routinemäßige interplanetare Reisen von Menschen. Spracherkennung, Sprachsynthese und künstliche Intelligenz machten hingegen große Fortschritte. Der eindrucksvollste Aspekt des Films war damit weniger die Raumfahrt als die psychologische und ethische Beziehung zwischen Mensch und Computer.
Zur Recheninfrastruktur moderner KI lesen Sie unseren früheren Beitrag Die Geschichte von NVIDIA: Von GPU und CUDA zur künstlichen Intelligenz.
1982 — Blade Runner: Von intelligenten Maschinen zu künstlichen Menschen
Ridley Scotts Blade Runner führte das Publikum 1982 in das Los Angeles des Jahres 2019. Riesige digitale Werbeflächen, eine dichte vertikale Megastadt, biotechnologisch erzeugte menschenähnliche Wesen und eine von Konzernen geprägte dunkle Technologiegesellschaft bestimmten das Bild. Der Film zeigte die Zukunft nicht als saubere, helle Utopie, sondern als Welt, in der sich die Technologie weiterentwickelt hatte, ohne gesellschaftliche Probleme zu beseitigen.
Die „Replikanten“ aus Blade Runner gehen weit über heutige Roboter hinaus: Sie sind künstliche Wesen, die biologisch Menschen ähneln. Verändert sich unsere moralische Verantwortung, wenn sich ein künstliches System dem Menschen in Verhalten, Sprache, Gedächtnis und Gefühl nähert? Frühe und begrenztere Formen dieser Frage erscheinen heute erneut in Debatten über generative KI und humanoide Roboter.
Einige visuelle Zukunftsbilder des Films ähneln modernen Megastädten erstaunlich: riesige Werbebildschirme, hochverdichtetes Stadtleben, globale Unternehmensmarken im öffentlichen Raum und mehrsprachige Stadtkultur. Blade Runner hat diese Entwicklungen nicht allein „erfunden“; durch Recherche sahen die Autoren sie jedoch voraus. Der Film verband verschiedene Tendenzen zu einer eindrucksvollen Zukunftsatmosphäre.
1989 — Back to the Future Part II: Eine unterhaltsame Reise ins Jahr 2015
Back to the Future Part II blickte 1989 auf das Jahr 2015 und bot weniger wissenschaftlichen Realismus als einen unterhaltsamen Zukunftskatalog. Fliegende Autos und tatsächlich schwebende Hoverboards wurden nicht Wirklichkeit. Große Flachbildschirme, Videogespräche, tragbare Elektronik, biometrische Erkennung und Automatisierung wirkten 2015 dagegen deutlich vertrauter.
Der Film zeigt auch, warum Zukunftsprognosen schwierig sind. Menschen stellen sich häufig weiterentwickelte Formen vorhandener Gegenstände vor: Gibt es ein Auto, soll es fliegen; gibt es ein Skateboard, soll es schweben; gibt es einen Fernseher, soll er größer werden. Die wirkliche technologische Revolution kommt jedoch manchmal aus einer ganz anderen Richtung. Zu den Entwicklungen, die den Alltag zwischen 1989 und 2015 am stärksten veränderten, gehörte das internetfähige Smartphone.
Wie Smartphones den Alltag veränderten, erfahren Sie in unserem früheren Beitrag Apple: Das Unternehmen, das Technologie in das Leben der Menschen brachte.
2002 — Minority Report: Von der Vorhersage zur Gestaltung der Zukunft
Anders als die früheren Beispiele machte Steven Spielbergs Minority Report Zukunftstechnologien zum Teil einer bewussten Gestaltungsarbeit. Der Film spielt 2054 in Washington, D.C., wo Verbrechen vorhergesagt und verhindert werden, bevor sie geschehen. Gestengesteuerte transparente Bildschirme, personalisierte Werbung, biometrische Erkennung und ständige Datenverfolgung stehen im Vordergrund. Einige dieser Ideen wurden 2002 bereits in Forschungslaboren und Designkreisen diskutiert; der Film verwandelte sie in eine Benutzererfahrung, die ein breites Publikum verstehen konnte.
Wenn die Zukunft feststeht und im Voraus bekannt ist, besitzt der Mensch dann einen freien Willen?
An diesem Punkt kehrt sich die Beziehung zwischen Science-Fiction und Technologie um. Nicht mehr nur Ingenieure liefern dem Kino Ideen; auch die Bildsprache des Kinos wird zur Referenz für Designer und Ingenieure. Eine Filmschnittstelle kann gemeinsame Erwartungen daran schaffen, wie sich ein reales Produkt anfühlen sollte. Science-Fiction sagt damit nicht nur Zukunft voraus, sondern trägt zu ihrer Gestaltungssprache bei.
2011–2016 — Person of Interest: Was geschieht, wenn KI alle Menschen beobachtet?
2011 gehörten Smartphones, soziale Netzwerke, Stadtkameras, Onlinebanking und große digitale Datenbanken bereits zum Alltag. Heutige generative KI, groß angelegte multimodale Modelle und allgemeine KI-Agenten existierten dagegen noch nicht. Jonathan Nolans Person of Interest ging in dieser Übergangsphase von einer Annahme aus: „Wenn ein System die gewaltigen digitalen Spuren einer Gesellschaft gleichzeitig lesen könnte, könnte es aus Beziehungen und Verhaltensmustern bevorstehende Gewalttaten erkennen?“
„The Machine“, die in der Serie für die Regierung entwickelt wird, ist eine hochentwickelte KI. Sie verbindet Überwachungskameras, Telefon- und Kommunikationsdaten sowie unterschiedliche Datenquellen, um mögliche Bedrohungen zu erkennen. Das System zeichnet nicht nur Bilder auf, sondern interpretiert Zusammenhänge und versucht Personen zu bestimmen, die künftig an Gewalttaten beteiligt sein könnten. Damit überträgt Person of Interest die Idee eines Eingriffs vor der Tat aus Minority Report von einem übernatürlichen Mechanismus auf ein technologischeres Modell aus Big Data, Massenüberwachung und KI.
Als die Serie entstand, war die Idee nicht völlig erfunden. 2011 arbeiteten Forschungs- und Sicherheitsorganisationen daran, enorme Sensor- und Überwachungsdaten algorithmisch zu verbinden, Ereignisse in Bildern automatisch zu erkennen und Muster in unterschiedlichen Datenquellen zu finden. Jonathan Nolan erklärte zudem, ein Ausgangspunkt seien die elektronischen Spuren gewesen, die Menschen durch Mobiltelefone und Internetnutzung hinterlassen. Die Serie erfand ihre Technologie daher nicht aus dem Nichts, sondern führte die 2011 entstehende Datenwelt mehrere große Schritte weiter.
Einige Elemente wirken heute vertrauter: Gesichts-, Objekt- und Personenverfolgung, Big-Data-Analyse, soziale Netzwerkanalyse, die Erkennung von Verhaltensmustern und KI-gestützte Bildanalyse sind reale Technologien. Die Grenze muss jedoch korrekt gezogen werden. Heutige Systeme können aus Millionen Datenpunkten Wahrscheinlichkeiten und Klassifikationen erzeugen; eine „Machine“, die zuverlässig und mit Gewissheit weiß, was eine bestimmte Person künftig tun wird, existiert nicht. Der Unterschied zwischen Prognose und sicherem Wissen ist wissenschaftlich wie rechtlich entscheidend.
In späteren Staffeln erweitert Person of Interest die Frage. Mit der zweiten KI „Samaritan“ geht es nicht mehr nur darum, ob KI uns beobachten kann. Entscheidend ist vielmehr, welchen Einfluss mächtige Systeme, die mehr gesellschaftliche Daten als Menschen verarbeiten und eigene Strategien entwickeln, auf Entscheidungen haben sollen. Die Serie diskutiert damit die Möglichkeit, dass KI nicht nur Analysewerkzeug, sondern ein Machtzentrum wird, das Sicherheit und gesellschaftliche Entscheidungen beeinflusst.
Genau dieser Teil ist noch nicht Wirklichkeit. Obwohl es in vielen Bereichen sehr leistungsfähige algorithmische Systeme gibt, existiert keine einzelne allgemeine KI wie The Machine oder Samaritan, die eine gesamte Gesellschaft in Echtzeit beobachtet und versteht, langfristige Folgen berechnet und selbstständig strategische Entscheidungen trifft. Die Frage der Serie wird dennoch immer aktueller.
Sollte ein solches System eines Tages technisch möglich sein, wird nicht nur seine Intelligenz entscheidend sein. Wer es kontrolliert, auf welche Daten es zugreift, welche Ziele es verfolgt und wer seinen Entscheidungen widersprechen kann, wird mindestens ebenso wichtig sein.
2011 bis heute — Black Mirror: Von der Technikprognose zum gesellschaftlichen Experiment
Black Mirror
Mit Black Mirror wird eine wichtige Veränderung des Science-Fiction-Erzählens sichtbar. Viele Episoden führen statt ferner Weltraumtechnologien bestehende digitale Trends einige Schritte weiter: die lückenlose Aufzeichnung des Lebens, die Nachbildung eines Verstorbenen aus digitalen Spuren, soziale Bewertungssysteme, virtuelle Realität, autonome Roboter und die Beziehung des menschlichen Bewusstseins zu digitalen Systemen.
Meist geht es nicht darum, vorherzusagen, wann ein bestimmtes Gerät erfunden wird. Als Gedankenexperiment untersucht die Serie, wie sich Verhalten, Beziehungen, Privatsphäre und Machtstrukturen verändern könnten, wenn eine Technologie weite Verbreitung findet.
Dieser Ansatz verdeutlicht den wichtigsten Unterschied zwischen Science-Fiction und Technologieprognose. Gute Science-Fiction fragt nicht nur: „Welches Gerät wird kommen?“ Sie fragt auch: „Was wird der Mensch, wenn dieses Gerät kommt?“
2013 — Her: Die Computerschnittstelle wird zur Persönlichkeit
Her
2013 gab es Smartphones, Cloud-Computing und Sprachassistenten wie Siri, aber heutige generative KI-Systeme waren noch nicht im Alltag der Verbraucher angekommen. Samantha in Spike Jonzes Film Her ist weit mehr als eine Software, die Befehle empfängt: Sie lernt Theodore kennen, führt lange Gespräche mit ihm, organisiert seine Angelegenheiten, erinnert sich an Zusammenhänge und entwickelt sich mit der Zeit selbst weiter.
In den 2020er-Jahren machten große Sprachmodelle und multimodale KI-Systeme die Benutzeroberfläche des Films überraschend vertraut. Menschen interagieren mit Computern nicht mehr nur über Menüs und Schaltflächen, sondern auch über natürliche Sprache.
Zwischen Samantha und heutiger KI besteht dennoch ein großer Unterschied. Das System im Film verfügt über einen dauerhaften persönlichen Kontext, ein hohes Maß an Autonomie und eine eigene Entwicklungslinie. Die noch nicht verwirklichte Kernvision von Her ist daher nicht der „sprechende Chatbot“, sondern eine persönliche KI, die einen Menschen jahrelang kennt, eigenständig handelt und dauerhaft Teil seines Lebens ist.
Zur Entwicklung des Personal Computers und seines Software-Ökosystems lesen Sie unseren früheren Beitrag Die Geschichte von Microsoft: Windows, Office, Azure und die KI-Revolution.
Kannte das Kino die Zukunft wirklich?
Beim Blick auf diese Chronologie ist die Aussage verführerisch, Filme hätten die Zukunft gekannt. Wissenschaftlich genauer ist eine andere Schlussfolgerung. Das Kino sagte die Zukunft meist nicht aus dem Nichts voraus. Es sammelte Forschung, Patente, technische Trends, Literatur und gesellschaftliche Ängste seiner Zeit und verwandelte sie in sichtbare, verständliche und einprägsame Geschichten.
1902 stützte sich Méliès’ Mondreise auf den von Jules Verne und H. G. Wells eröffneten Vorstellungsraum. 1927 war die Idee der Bildkommunikation nicht unabhängig von der Entwicklung der Telekommunikation. In den 1960er-Jahren zeigten The Jetsons und Star Trek anhand alltäglicher Gegenstände, wohin die Elektronisierung führen könnte. 2001: A Space Odyssey verwandelte in einer frühen Phase der KI-Forschung die Annahme, Computer könnten eines Tages in natürlicher Sprache mit Menschen sprechen, in eine dramatische Figur.
Der Erfolg von Science-Fiction sollte deshalb nicht nur daran gemessen werden, ob eine Prognose eintraf. Aussagekräftiger ist, welche Fragen ein Werk seiner Zeit voraus sichtbar machte. Metropolis behandelte Technologie und Ungleichheit, 2001 das Vertrauen zwischen Mensch und autonomem Computer, Blade Runner den moralischen Status künstlicher Wesen und Minority Report die Grenzen von Datenüberwachung und Personalisierung. Jede dieser Fragen ist dauerhafter als die Vorhersage eines Geräts.
Haben wir es zuerst erträumt und dann gebaut?
Die Geschichte der Science-Fiction von 1902 bis heute zeigt einen bemerkenswerten Kreislauf. Die Wissenschaft öffnet eine neue Möglichkeit. Autoren und Filmemacher vergrößern sie, fügen menschliche Geschichten hinzu und zeigen sie Millionen Menschen. Unter den Zuschauern befinden sich künftige Ingenieure, Designer, Unternehmer und Wissenschaftler. Jahre später kehren manche Träume über Labore und Fabriken in den Alltag zurück.
Die Beziehung zwischen Kino und Technologie verläuft daher nicht nur in eine Richtung. Technologie liefert dem Kino Material; das Kino prägt die Erwartungen der Gesellschaft an Technologie. Méliès’ im Mond steckende Kapsel war wissenschaftlich falsch, machte aber die Möglichkeit, dass die Menschheit die Erde verlassen könnte, zu einem unvergesslichen Bild. Der Roboter in Metropolis war kein Bauplan für heutige Robotik, stellte aber die Grenze zwischen Mensch und Maschine infrage. The Jetsons erfand das Bildtelefon nicht, brachte es aber in den normalen Familienalltag der Zukunft. HAL 9000 war nicht die heutige KI, stellte aber vor mehr als einem halben Jahrhundert verständlich die Frage, was geschieht, wenn der Mensch Entscheidungsgewalt an eine Maschine überträgt.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis der Fähigkeit des Kinos, die Zukunft zu sehen. Das Kino kennt die Zukunft nicht. Es überzeugt uns davon, dass eine Zukunft möglich sein könnte. Und manchmal beginnt jemand, sie wirklich zu bauen, wenn eine Gesellschaft lange genug von ihr träumt.
Die Zukunft vorhersagen oder gestalten?
Die Beziehung zwischen Kino und Technologie verläuft nicht nur in eine Richtung. Filme greifen Ideen aus Wissenschaft und Technik auf und machen sie sichtbar; diese Bilder gelangen in die Vorstellungswelt neuer Generationen von Ingenieuren, Designern und Unternehmern. So kann Science-Fiction aufhören, nur ein Spiegel der Zukunft zu sein, und Teil ihres gestalterischen Repertoires werden.
Damit wird verständlicher, warum The Jetsons weiterhin so wichtig ist. Die Serie war nicht das erste Werk, das fliegende Autos, Roboterhaushaltshilfen oder Bildtelefone erdachte. Indem sie diese Dinge beim Frühstück, auf dem Arbeitsweg, bei der Hausarbeit und in der Kommunikation einer Familie zeigte, machte sie die Zukunft jedoch alltäglich. Sie zeigte nicht nur neue Maschinen, sondern auch, wie das Leben mit ihnen aussehen könnte.
Rückblickend sehen wir, dass Mondreisen, Videogespräche, tragbare Computer, biometrische Authentifizierung und KI, die in natürlicher Sprache spricht, in verschiedenen Formen Wirklichkeit geworden sind. Allgemein einsetzbare Roboter, die nicht vom Menschen zu unterscheiden sind, dauerhafte persönliche KI, fliegende Autos für die breite Masse, echte künstliche Persönlichkeit und übermenschliche autonome Intelligenz gehören dagegen noch zur Zukunft.
Die Frage wird künftig nicht mehr lauten, welcher Film was richtig vorhergesagt hat. Welche gemeinsamen Richtungen ergeben sich für 2035, 2040 und 2050, wenn heutige Filme, Serien und reale Technologielabore nebeneinandergestellt werden? Wie verändert sich die Grenze zwischen Mensch und Maschine, wenn KI-Agenten, humanoide Roboter, Gehirn-Computer-Schnittstellen, Biotechnologie und persönliche KI zusammenkommen?
Zur Entwicklung von frühen Computern bis zu modernen Systemen lesen Sie unseren früheren Beitrag Geschichte der Betriebssysteme: Die Zeit vor UNIX.
Quellen
- British Film Institute (BFI), „Film 1: Sci-fi silents (1901–1906)“.
- British Film Institute (BFI), „10 great films about space travel“.
- British Film Institute (BFI), „Metropolis (1927)“ und „Metropolis at 90“.
- Smithsonian Magazine, „Future Calling: Videophones in the World of The Jetsons“. Zur Geschichte der Bildtelefon-Idee vor The Jetsons.
- Smithsonian National Air and Space Museum, Paul Ceruzzi, „The Real Technology Behind 2001’s HAL“ und „2001: A Space Odyssey, HAL, and the Future of AI“.
- NASA Goddard Engineering Colloquium, Ankündigung von David Batchelor. Bewertung von Star-Trek-Technologien im Zusammenhang mit mobilen Kommunikationsgeräten, Medizintechnik und künstlicher Intelligenz.